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KNX Funktionsliste erstellen

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Aktualisiert: 12.5.2026
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Das wichtigste Dokument Ihres KNX-Projekts

Fragen Sie einen KNX Systemintegrator nach dem wichtigsten Dokument in einem Projekt — die Antwort ist fast immer die gleiche: die Funktionsliste. Nicht der Grundriss, nicht das Angebot, nicht der Vertrag. Die Funktionsliste.

Warum? Weil sie das einzige Dokument ist, das vollständig beschreibt, was das System können soll. Sie übersetzt die Wünsche des Bauherrn in eine Sprache, die der Integrator programmieren kann. Sie ist gleichzeitig Bestellliste, Kalkulationsgrundlage, Programmiervorlage und Abnahmeprotokoll.

Und dennoch wird sie in vielen Projekten entweder gar nicht erstellt, oberflächlich abgehakt oder so spät geschrieben, dass sie nur noch dokumentiert, was eh schon verbaut ist — statt zu steuern, was verbaut werden soll.

Dieser Artikel zeigt, wie Sie eine KNX-Funktionsliste professionell erstellen — mit der Raum-für-Raum-Methode, die sich in der Praxis bewährt hat.

Was ist eine KNX-Funktionsliste?

Eine Funktionsliste ist eine tabellarische Aufstellung aller gewünschten Funktionen, geordnet nach Räumen. Für jede Funktion wird festgehalten:

  • Was soll gesteuert werden? (Licht Decke, Jalousie Links, Fußbodenheizung)
  • Wie soll es bedient werden? (Taster, Touchpanel, App, Automatik)
  • Wann soll es automatisch passieren? (Bei Sonneneinstrahlung, bei Abwesenheit, nachts)
  • Womit ist es verknüpft? (Szene „Filmabend", „Alles aus", Panik-Funktion)
  • Priorität: Muss, Soll, Kann

Beispiel: Wohnzimmer

Nr.FunktionGerät/AktorBedienungAutomatikSzenePrio
WZ-01Licht DeckeDimmaktor Kanal 1Taster Eingang, Taster SofaFilm, Abend, AusMuss
WZ-02Licht LeseeckeDimmaktor Kanal 2Taster SofaLesen, FilmSoll
WZ-03Licht RegalSchaltaktor Kanal 1Taster EingangAbend, FilmKann
WZ-04Jalousie LinksJalousieaktor Kanal 1Taster Fenster LSonnenschutzFilm, AusMuss
WZ-05Jalousie RechtsJalousieaktor Kanal 2Taster Fenster RSonnenschutzFilm, AusMuss
WZ-06Heizung FBHHeizungsaktor Kanal 1RaumthermostatAbsenkung Nacht, AbwesenheitMuss
WZ-07Steckdose TVSchaltaktor Kanal 2Film, AusKann
WZ-08PräsenzmelderSensor DeckeLicht bei Anwesenheit (Tag/Nacht)Soll

Dieses eine Zimmer erzeugt 8 Funktionen, die 5–6 KNX-Geräte und 2–3 Taster erfordern. In einem durchschnittlichen Einfamilienhaus mit 10–15 Räumen kommen so schnell 80–150 Funktionszeilen zusammen.

Die Raum-für-Raum-Methode

Die bewährteste Methode zur Erstellung einer Funktionsliste ist die systematische Raum-für-Raum-Begehung. Sie funktioniert sowohl bei Neubauten (virtuell am Grundriss) als auch bei Bestandsgebäuden (physisch im Gebäude).

Schritt 1: Raumliste erstellen

Listen Sie alle Räume und Bereiche auf — auch die, die oft vergessen werden:

BereichRäumeOft vergessen
ErdgeschossEingang, Flur, WC, Küche, Esszimmer, WohnzimmerHauswirtschaftsraum, Abstellraum
ObergeschossFlur, Schlafzimmer, Kinderzimmer (×2), Bad, AnkleideGalerie, Durchgangsflur
KellerTechnikraum, Hobbyraum, WaschkücheKellerflur, Lagerraum
DachgeschossBüro, Gästezimmer, BadSpitzboden (Zugang!)
AußenbereichEingangsbereich, Terrasse, Garten, GarageCarport, Mülltonnenplatz, Kellerabgang

Schritt 2: Pro Raum alle Gewerke durchgehen

Für jeden Raum gehen Sie die gleiche Checkliste durch:

  1. Beleuchtung: Welche Lichtquellen? Schalten oder dimmen? Welche Lichtszenen? Wo sitzt der Taster?
  2. Beschattung: Jalousie, Rollo, Markise? Automatik (Sonne, Wind)? Manuell?
  3. Heizung/Kühlung: Einzelraumregelung? Fußbodenheizung oder Heizkörper? Solltemperatur? Absenkung?
  4. Steckdosen: Welche Steckdosen sollen schaltbar sein? (TV, Standby-Killer)
  5. Sicherheit: Fensterkontakt? Präsenzmelder? Rauchwarnmelder-Anbindung?
  6. Multimedia: Multiroom-Lautsprecher? Netzwerk? TV-Anbindung?
  7. Sonstiges: Lüftung? Bewässerung? Spezialfunktionen?

Schritt 3: Verknüpfungen und Szenen definieren

Nach der Einzelraum-Erfassung kommt der spannende Teil: raumübergreifende Funktionen und Szenen.

SzeneBeschreibungBetroffene Räume
Guten MorgenRollläden hoch, Flur-Licht 30%, Kaffeemaschine anSchlafzimmer, Flur, Küche
Gute NachtAlle Lichter aus, Rollläden runter, Heizung absenken, Alarmanlage scharfAlle Räume
Außer HausAlles aus, Heizung Frostschutz, Anwesenheitssimulation startenAlle Räume
FilmabendWohnzimmer-Licht 10%, Jalousien runter, TV-Steckdose anWohnzimmer
PartyWohnzimmer + Esszimmer + Terrasse: Farblicht, Musik-VorbereitungWohnzimmer, Esszimmer, Terrasse
PanikAlle Lichter 100%, innen und außenAlle Räume + Außen

Schritt 4: Prioritäten vergeben

Jede Funktion bekommt eine Priorität:

  • Muss: Wird in Phase 1 realisiert. Ohne diese Funktion ist das System unvollständig.
  • Soll: Wird in Phase 1 realisiert, wenn das Budget reicht. Sonst Phase 2.
  • Kann: Nice-to-have. Infrastruktur wird vorbereitet (Leerrohr, Busleitung), aber die Funktion wird erst bei Bedarf aktiviert.

Die Priorisierung ist entscheidend für das Budget: Ein Projekt mit 100 Muss-Funktionen kostet deutlich mehr als eines mit 50 Muss- und 50 Kann-Funktionen. Die Kann-Funktionen erzeugen keine Hardware-Kosten (außer Leerrohre), nur die Muss- und Soll-Funktionen fließen in die Kalkulation ein.

Vollständige Vorlage: Einfamilienhaus

Die folgende Tabelle zeigt eine realistische Funktionsliste für ein Einfamilienhaus mit Komfortausstattung. Sie enthält die typischen Funktionen — nicht als Maximalvariante, sondern als praxisnaher Standard.

Erdgeschoss

Nr.RaumFunktionPrio
EG-01EingangLicht Decke, schaltenMuss
EG-02EingangAußenlicht, über PräsenzmelderMuss
EG-03EingangTürklingel → Licht-Impuls im ganzen HausSoll
EG-04FlurLicht Decke, dimmen, PräsenzmelderMuss
EG-05FlurZentral-Aus-Taster (alles ausschalten beim Gehen)Muss
EG-06WCLicht, schalten, Lüfter nachlaufen 5 MinMuss
EG-07KücheLicht Decke, dimmenMuss
EG-08KücheLicht Arbeitsplatte (Unterbauleuchten)Soll
EG-09KücheJalousie, Sonnenschutz-AutomatikMuss
EG-10KücheHeizung FBH, EinzelraumregelungMuss
EG-11EsszimmerLicht Decke, dimmenMuss
EG-12EsszimmerLicht Vitrine/SideboardKann
EG-13EsszimmerJalousie, Sonnenschutz-AutomatikMuss

Zusammenfassung nach Gewerk

GewerkMussSollKannGesamt
Beleuchtung288642
Beschattung12214
Heizung/Klima10111
Sicherheit4329
Steckdosen246
Szenen3328
Außenbereich4228
Gesamt61201798

98 Funktionen — davon 61 als Muss, 20 als Soll, 17 als Kann. Die Kosten werden primär durch die Muss- und Soll-Funktionen bestimmt. Die Kann-Funktionen erzeugen nur Leerrohr-Kosten (wenn die Infrastruktur vorbereitet wird).

Typische Fehler bei der Funktionsliste

  1. Zu grob: „Licht im Wohnzimmer" statt „Licht Decke dimmen + Licht Leseecke schalten + Licht Regal schalten". Jeder Lichtkreis ist eine eigene Funktion.
  2. Automatik vergessen: Nur manuelle Bedienung gelistet, aber keine Automatik. Später: „Warum fahren die Jalousien nicht automatisch runter?" — „Weil es nicht in der Liste stand."
  3. Szenen zu spät: Szenen erst bei der Inbetriebnahme definieren. Das funktioniert, ist aber ineffizient — der Integrator muss raten, welche Lichtwerte Sie möchten.
  4. Außenbereich vergessen: Garage, Garten, Terrasse, Eingang — alles Bereiche, die Busleitungen brauchen und im Rohbau vorbereitet werden müssen.
  5. Keine Priorisierung: Alles ist „Muss". Konsequenz: Das Budget reicht nicht, und es wird willkürlich gestrichen statt systematisch priorisiert.

Von der Funktionsliste zum Angebot

Die fertige Funktionsliste ist die Grundlage für drei Dinge:

  1. Komponentenauswahl: Aus den Funktionen lassen sich die benötigten Geräte ableiten. 28 Beleuchtungsfunktionen → X Schaltaktoren + Y Dimmaktoren. 14 Jalousien → Z Jalousieaktoren. Der Integrator erstellt eine Stückliste.
  2. Kalkulation: Geräte × Preise + Programmierungsaufwand + Installationsbegleitung = Angebot. Details im Artikel KNX Ausschreibung und Angebote.
  3. Programmierung: Die Funktionsliste wird während der Inbetriebnahme Zeile für Zeile abgearbeitet. Jede Funktion wird programmiert, getestet und abgehakt. Am Ende ist die Funktionsliste das Abnahmeprotokoll.

Digitale Werkzeuge für die Funktionsliste

WerkzeugVorteilNachteil
Excel / Google SheetsFlexibel, kostenlos, jeder kennt esKeine Validierung, wird schnell unübersichtlich
ETS-ProjektdateiDirekter Zusammenhang zur ProgrammierungNur für ETS-Profis lesbar, für Bauherren ungeeignet
Spezialsoftware (z.B. KNX-Profi-Tools)Automatische Stückliste, PlausibilitätsprüfungKosten, Einarbeitungszeit
PDF-FormularEinfach auszufüllen, Druck-freundlichNicht editierbar nach Freigabe

In der Praxis hat sich Excel / Google Sheets durchgesetzt. Der Integrator erstellt eine Vorlage mit den richtigen Spalten und Dropdown-Feldern — der Bauherr füllt die Wünsche ein, der Integrator ergänzt die technischen Details.

Funktionsliste als lebendiges Dokument

Eine Funktionsliste ist nie „fertig". Sie wird im Projektverlauf mehrfach aktualisiert:

  • Version 1: Bedarfsanalyse — grobe Wünsche, viele Kann-Funktionen
  • Version 2: Nach Budget-Abstimmung — Kann wird zu Soll oder gestrichen
  • Version 3: Technische Detaillierung — Integrator ergänzt Gerätetypen und Gruppenadressen
  • Version 4: Inbetriebnahme — Status pro Funktion (programmiert, getestet, abgenommen)
  • Version 5: Abnahme — finale Version, geht an den Bauherrn zusammen mit dem ETS-Projekt

Jede Version wird datiert und versioniert. Die aktuelle Version liegt immer beim Integrator — er ist verantwortlich dafür, dass alle Beteiligten (Bauherr, Elektriker, Architekt) mit dem gleichen Stand arbeiten.

Häufige Fragen zur KNX-Funktionsliste

Wie viele Funktionen sind normal für ein Einfamilienhaus?

50–150 Funktionen sind der übliche Bereich. Unter 50 ist eher eine Basisausstattung (nur Licht und Jalousie). Über 150 ist gehobener Komfort (mit Multiroom, Sicherheit, umfangreicher Automatik). Details zu den Ausstattungsstufen und zugehörigen Kosten finden Sie im Grundlagen-Bereich.

Muss ich die Funktionsliste selbst erstellen?

Nein — der KNX Systemintegrator erstellt sie gemeinsam mit Ihnen. Ihre Aufgabe als Bauherr: Wünsche formulieren, Prioritäten setzen, Budget definieren. Die technische Umsetzung (welcher Aktor, welcher Taster, welche Gruppenadresse) ist Sache des Integrators. Tipps zur Auswahl finden Sie unter KNX Systemintegrator finden.

Was passiert, wenn ich eine Funktion vergesse?

Wenn die Hardware-Infrastruktur vorhanden ist (Leerrohr, Busleitung, Aktor-Kanal frei), kann eine vergessene Funktion jederzeit per Software nachgerüstet werden — das ist einer der größten Vorteile von KNX. Wenn die Infrastruktur fehlt (kein Leerrohr zum gewünschten Tasterplatz), wird es teuer. Deshalb der Rat: lieber eine Kann-Funktion zu viel als eine zu wenig.

Wie lange dauert die Erstellung einer Funktionsliste?

Für ein Einfamilienhaus: 1–2 Termine à 2 Stunden (Integrator + Bauherr) plus 1–2 Wochen Nacharbeit beim Integrator. Die komplette Planungsphase umfasst weitere Schritte — die Funktionsliste ist der zeitintensivste davon.

Fazit

Die Funktionsliste ist die DNA Ihres KNX-Projekts. Jede Funktion, die darin steht, wird realisiert. Jede Funktion, die fehlt, wird zum Nachtrag. Investieren Sie die Zeit in eine gründliche, priorisierte Funktionsliste — es ist die beste Investition im gesamten Projekt. Sie sparen Geld, vermeiden Nachträge und bekommen am Ende genau das System, das Sie sich vorgestellt haben.

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