Das häufigste Problem in meinem Arbeitsalltag
Der Anruf kommt mindestens zweimal im Monat: „Wir haben ein KNX-System im Haus, aber der vorherige Integrator ist nicht mehr erreichbar. Wir haben kein ETS-Projekt. Können Sie trotzdem etwas ändern?"
Die Antwort ist: Ja. Aber es ist aufwändig. Eine KNX-Rekonstruktion bedeutet, eine laufende Anlage zu analysieren, die Geräte auszulesen, die Gruppenadressen-Struktur zu rekonstruieren und ein neues ETS-Projekt aufzubauen — ohne Dokumentation, ohne Kontakt zum Erstinstallateur, manchmal sogar ohne Wissen, welche Hardware verbaut ist.
Das ist Detective-Arbeit am Buskabel. Und sie ist notwendiger als die meisten denken: Schätzungsweise 30-40 % aller KNX-Anlagen in München haben kein aktuelles ETS-Projekt — weil der Integrator die Firma gewechselt hat, weil die Datei verloren ging, oder weil der Bauherr sich nie darum gekümmert hat.
Dieser Artikel beschreibt den kompletten Rekonstruktionsprozess — Schritt für Schritt, mit allen Werkzeugen und typischen Fallstricken. Geschrieben aus der Erfahrung als KNX Systemintegrator in München, der regelmäßig Bestandsanlagen übernimmt.
Wann ist eine Rekonstruktion nötig?
Die typischen Szenarien
- Integrator-Wechsel: Der bisherige Betreuer ist nicht mehr verfügbar (Insolvenz, Ruhestand, Umzug). Der neue Integrator braucht das ETS-Projekt, um Änderungen vorzunehmen.
- ETS-Projekt verloren: Festplatte defekt, Laptop gestohlen, Backup vergessen. Ohne
.knxproj-Datei kann man die Anlage nicht in der ETS bearbeiten. - Hauskauf: Neuer Eigentümer übernimmt ein Haus mit KNX, hat aber keine Unterlagen. Will Änderungen vornehmen (z.B. Raumfunktionen umbelegen).
- Modernisierung: Die Anlage ist 10-15 Jahre alt. Alte Geräte sollen durch neue ersetzt werden, aber niemand weiß, wie die Gruppenadress-Struktur aufgebaut ist.
Was man braucht (Minimum)
- Physischen Zugang zum KNX-Bus (Verteiler)
- ETS6 mit Professional-Lizenz
- KNX-USB-Interface oder IP-Interface
- Multimeter
- Geduld — eine Rekonstruktion dauert deutlich länger als eine Neuprogrammierung
Schritt 1: Physische Bestandsaufnahme
Verteiler dokumentieren
Öffnen Sie jeden Schaltschrank und dokumentieren Sie:
- Welche KNX-Geräte sind verbaut? (Hersteller, Typ, Artikelnummer — steht auf dem Gerät oder ist über die Form identifizierbar)
- Wie viele Linien gibt es? (Netzteile zählen → jedes Netzteil = eine Linie)
- Welche Koppler sind verbaut? (Bereichs-, Linien- oder IP-Koppler)
- Busspannung an jeder Linie messen (21-30 V DC)
Installationsgeräte erfassen
Raum für Raum durchgehen und notieren:
- Welche Taster? (Anzahl Wippen, Hersteller)
- Welche Sensoren? (Präsenzmelder, Temperatursensoren, Fensterkontakte)
- Welche Aktoren steuern was? (Beleuchtung, Jalousien, Heizung)
Fotografieren Sie jedes Gerät und jeden Verteiler. Diese Fotos sind während der gesamten Rekonstruktion unverzichtbar.
Schritt 2: Geräte auslesen
Physische Adressen scannen
Die ETS kann den KNX-Bus nach vorhandenen Geräten scannen. In der Topologie-Sicht: Rechtsklick → „Gerätescan". Die ETS findet alle Geräte und zeigt deren physische Adressen an.
Was Sie aus dem Scan bekommen:
- Physische Adressen aller Geräte (z.B. 1.1.1 bis 1.1.47)
- Gerätetyp (Herstellercode und Geräte-ID)
- Applikationsprogramm-Version
Gruppenadressen auslesen
Hier wird es spannend — und aufwändig. Die ETS kann aus einem Gerät nicht direkt auslesen, welche Gruppenadressen es verwendet. Es gibt zwei Wege:
Methode 1: Busmonitor analysieren
Den Busmonitor in der ETS starten und das Gebäude benutzen — Lichter schalten, Jalousien fahren, Heizung verstellen. Jeder Tastendruck erzeugt ein Telegramm, das im Busmonitor erscheint. Daraus liest man ab:
- Welche Gruppenadresse verwendet wird
- Welches Gerät sendet (physische Adresse)
- Welcher DPT gesendet wird
- Welcher Wert gesendet wird
Vorteil: Funktioniert immer. Nachteil: Man sieht nur aktive Kommunikation. Gruppenadressen, die nicht benutzt werden (z.B. selten genutzte Szenen), tauchen nicht auf.
Methode 2: Geräte-Memory auslesen
Mit speziellen ETS-Plugins oder dem Kommandozeilen-Tool knxtool kann man den Speicher einzelner Geräte auslesen. Darin sind die Gruppenadress-Zuordnungen hinterlegt. Das ist technisch anspruchsvoller, liefert aber vollständige Informationen.
Nicht jedes Gerät unterstützt das reibungslos — manche älteren Geräte haben Leseeinschränkungen. Und die Interpretation des Gerätespeichers erfordert Kenntnis der jeweiligen Herstellerdokumentation.
Gruppenadressen-Tabelle aufbauen
Aus den gesammelten Daten erstellen Sie eine Tabelle:
| Gruppenadresse | Funktion (vermutet) | Sendende Geräte | Empfangende Geräte | DPT |
|---|---|---|---|---|
| 1/1/1 | EG Flur — Licht schalten | 1.1.3 (Taster) | 1.1.20 (Schaltaktor Ch.1) | 1.001 |
| 1/1/2 | EG Flur — Licht Status | 1.1.20 (Schaltaktor) | — | 1.001 |
| 1/1/10 | EG Wohnen — Licht schalten | 1.1.5 (Taster) | 1.1.22 (Dimmaktor Ch.1) | 1.001 |
Schritt 3: Neues ETS-Projekt aufbauen
Produktdatenbanken importieren
Für jedes identifizierte Gerät die passende Produktdatenbank herunterladen und in die ETS importieren. Das kann aufwändig sein, wenn alte Geräte verbaut sind — manche Hersteller bieten für Geräte, die seit 10 Jahren abgekündigt sind, keine Produktdatenbanken mehr an.
In solchen Fällen hilft manchmal das KNX-Online-Katalog auf der Website der KNX Association, wo auch ältere Datenbanken archiviert sind.
Geräte ins Projekt einfügen
- Geräte aus dem Katalog ins Projekt einfügen
- Physische Adressen manuell zuordnen (basierend auf dem Scan)
- Gebäudestruktur anlegen (Räume, Etagen — basierend auf der physischen Bestandsaufnahme)
- Geräte den Räumen zuordnen
Gruppenadressen-Struktur nachbilden
Die rekonstruierten Gruppenadressen in der ETS anlegen und mit den Kommunikationsobjekten der Geräte verknüpfen. Dieser Schritt erfordert die meiste Erfahrung — man muss verstehen, welches Kommunikationsobjekt eines Gerätes zu welcher Funktion gehört.
Parameter rekonstruieren
Die Parameter der Geräte (Dimmgeschwindigkeit, Jalousie-Laufzeiten, Reglereinstellungen) können teilweise aus dem Gerätespeicher ausgelesen werden. Wo das nicht möglich ist, müssen die Werte durch Beobachtung ermittelt werden:
- Jalousie-Laufzeit → Stoppuhr
- Dimmgeschwindigkeit → Beobachten und in ETS nachstellen
- Heizungsregler → Ventilreaktion beobachten, PI-Werte schätzen
Schritt 4: Verifizierung
Funktionstest
Wenn das neue ETS-Projekt steht, wird es nicht sofort auf die Geräte geladen. Zuerst wird verifiziert:
- Busmonitor starten
- Jede Funktion im Gebäude testen
- Telegramme im Busmonitor mit dem rekonstruierten Projekt abgleichen: Stimmen die Gruppenadressen? Die DPTs? Die Zuordnungen?
Erst lesen, dann schreiben
Erst wenn das rekonstruierte Projekt zu 100 % mit der Busaktivität übereinstimmt, wird es als neues Masterprojekt gespeichert. Ab jetzt können Änderungen vorgenommen werden — einzelne Geräte neu programmieren, Parameter anpassen, neue Funktionen hinzufügen.
Wichtig: Nie das gesamte Projekt auf einmal auf alle Geräte laden! Gerät für Gerät, mit Test nach jedem Download. Eine fehlerhafte Rekonstruktion könnte die gesamte Anlage lahmlegen.
Zeitaufwand und Kosten
| Anlagengröße | Geräte | Rekonstruktionsaufwand | Kosten (ca.) |
|---|---|---|---|
| Kleine Wohnung | 20-40 | 1-2 Tage | 1.000-2.000 € |
| Einfamilienhaus Standard | 60-100 | 3-5 Tage | 3.000-5.000 € |
| Einfamilienhaus Premium | 100-200 | 5-8 Tage | 5.000-8.000 € |
| Gewerbeprojekt | 200+ | 2-4 Wochen | ab 10.000 € |
Zum Vergleich: Eine Neuprogrammierung des gleichen Systems kostet typischerweise 30-50 % weniger, weil die Planung (Funktionsliste, Gruppenadress-Schema) bereits vorhanden ist. Die Rekonstruktion ist teurer, weil sie Detective-Arbeit erfordert.
Tipp für Bauherren: Bestehen Sie auf dem ETS-Projekt. Nach jeder Inbetriebnahme und jedem Wartungseinsatz sollte der Integrator das aktuelle ETS-Projekt als .knxproj-Datei übergeben. Das ist Ihr digitales Eigentum — wie der Schlüssel zum Haus.
Prävention — damit es nie zur Rekonstruktion kommt
Das ETS-Projekt sichern
- Nach jeder Änderung: ETS-Projekt exportieren
- An mindestens 2 Orten speichern (z.B. NAS + Cloud oder NAS + USB-Stick im Tresor)
- Dateinamen mit Datum und Versionsnummer (z.B. „MeinHaus_v12_2026-03-15.knxproj")
Dokumentation pflegen
- Gruppenadress-Liste (Excel oder ETS-Export)
- Parameteränderungen dokumentieren
- Kontaktdaten des Integrators aufbewahren
- Wartungshistorie führen
Wartungsvertrag abschließen
Ein Wartungsvertrag beinhaltet typischerweise auch die Pflege des ETS-Projekts. Der Integrator aktualisiert die Datei bei jedem Einsatz und stellt eine Kopie bereit. Das kostet einen kleinen jährlichen Betrag — und spart im Ernstfall tausende Euro für eine Rekonstruktion.
Spezialfall: KNX RF und Mischanlagen
Besonders bei Nachrüstungen mit KNX RF (Funk) wird die Rekonstruktion komplexer. RF-Geräte kommunizieren nicht über den TP-Bus, sondern über Funk. Der Busmonitor sieht diese Telegramme nicht — man braucht einen RF-Monitor (z.B. Weinzierl KNX RF Multi).
Bei Mischanlagen (TP + RF + IP) muss jede Kommunikationsebene separat analysiert werden. Die Koppler zwischen den Medien können zusätzliche Filterregeln haben, die die Rekonstruktion erschweren.
Häufige Fragen zur KNX Rekonstruktion
Kann man wirklich jede KNX-Anlage rekonstruieren?
Grundsätzlich ja. Die physischen Adressen und ein Großteil der Gruppenadress-Zuordnungen lassen sich immer auslesen. Schwierig wird es bei sehr komplexen Logikmodulen — deren interne Programmierung ist manchmal nicht vollständig auslesbar.
Geht bei der Rekonstruktion die bestehende Funktion verloren?
Nein. Solange Sie nichts auf die Geräte schreiben, läuft die Anlage unverändert weiter. Die Rekonstruktion ist ein reiner Leseprozess — das Gebäude funktioniert während der gesamten Analyse normal.
Wann lohnt sich eine Rekonstruktion nicht mehr?
Wenn die Hardware so alt ist, dass Ersatzgeräte nicht mehr verfügbar sind (>15-20 Jahre). Oder wenn ohnehin ein umfassender Umbau geplant ist. In diesen Fällen ist eine Neuplanung sinnvoller.
Kann ich die Rekonstruktion selbst machen?
Theoretisch, wenn Sie ETS-Erfahrung haben. In der Praxis ist die Interpretation der ausgelesenen Daten der schwierige Teil — dafür braucht man tiefes Verständnis von KNX-Kommunikation und Gerätekonfiguration. Fehlinterpretationen können zu fehlerhaften Änderungen führen.
Wie finde ich einen Integrator, der Rekonstruktionen macht?
Nicht jeder KNX-Integrator bietet Rekonstruktionen an — es ist eine Spezialleistung. Fragen Sie gezielt nach Erfahrung mit Bestandsanlagen und Referenzen. Die Checkliste für die Integratorsuche hilft bei der Auswahl.
KNX Rekonstruktion ist einer meiner Schwerpunkte. Ich übernehme Bestandsanlagen, rekonstruiere das ETS-Projekt und bringe Ihre Anlage wieder unter professionelle Betreuung. Von München bis ganz Bayern — mehr zu meinem Rekonstruktions-Service oder direkt Kontakt aufnehmen.