Mehr als Schalten und Dimmen
Ein KNX-System, das nur schaltet und dimmt, nutzt vielleicht 20 % seiner Möglichkeiten. Die eigentliche Stärke zeigt sich in der Automatisierung: Wenn die Sonne hinter dem Haus verschwindet, fahren die Jalousien automatisch hoch. Wenn der letzte Bewohner das Haus verlässt, geht alles Licht aus und die Heizung senkt ab. Wenn es im Schlafzimmer kühler als 19 °C wird, öffnet sich das Ventil — auch nachts um drei.
Für all das braucht man Logikmodule, Szenen und Zeitschaltuhren. Sie sind das Gehirn einer KNX-Anlage — die Schicht zwischen einfacher Schaltfunktion und intelligentem Gebäude.
Dieser Artikel erklärt die verschiedenen Logik-Möglichkeiten in KNX: von einfachen Und/Oder-Verknüpfungen über komplexe Szenen bis zu astronomischen Zeitschaltuhren. Mit konkreten Praxisbeispielen aus der täglichen Arbeit als KNX Systemintegrator in München.
Wo lebt die Logik in einer KNX-Anlage?
KNX ist ein dezentrales System: Jedes Gerät hat seine eigene Intelligenz. Aber für übergreifende Logik — Verknüpfungen, die mehrere Geräte betreffen — gibt es drei Möglichkeiten:
1. Logik im Aktor
Viele moderne Aktoren haben integrierte Logikfunktionen: UND/ODER-Verknüpfungen, Szenen-Speicher, Treppenlicht-Timer, Sperrfunktionen. Diese Logik ist die einfachste und stabilste Variante — sie läuft direkt im Gerät, braucht keinen zusätzlichen Busverkehr und funktioniert auch, wenn andere Geräte ausfallen.
Beispiel: Ein Schaltaktor hat eine eingebaute Sperrfunktion. Wenn Gruppenadresse „Kindersicherung aktiv" den Wert 1 sendet, ignoriert der Aktor alle Schaltbefehle. Kein separates Logikmodul nötig.
2. Dediziertes Logikmodul
Für komplexere Logik gibt es eigenständige KNX-Logikmodule — kleine Hutschienen-Geräte, die ausschließlich Verknüpfungen berechnen. Bekannte Produkte:
| Hersteller | Produkt | Kanäle | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| MDT | SCN-LOG1.02 | 200+ | Sehr flexible ETS-Applikation |
| ABB | LM/S 1.1 | 150+ | Grafische Logik-Darstellung |
| Theben | LUXORliving | 100+ | Einfache Bedienung |
| Weinzierl | KNX Logic 770 | 250+ | Webinterface zusätzlich zu ETS |
Ein dediziertes Logikmodul ist sinnvoll ab ca. 10-15 Verknüpfungen, die nicht in den Aktoren abgebildet werden können.
3. Logik-Server / Visualisierung
Manche Visualisierungen (Gira X1, Divus KNX Server, HomeAssistant) bieten eigene Logik-Engines. Vorteil: Grafische Programmierung, mehr Rechenleistung. Nachteil: Single Point of Failure — wenn der Server ausfällt, funktioniert die Logik nicht mehr.
Faustregel: Sicherheitsrelevante Logik (Fensterkontakte sperren Heizungsventile, Rauchmelderkopplung) gehört ins KNX-Gerät, nicht in den Visu-Server. Komfort-Logik (Lichtszenen, Musik-Automatik) darf in die Visualisierung.
UND/ODER-Verknüpfungen — die Basis
UND-Verknüpfung
Ergebnis ist 1 (wahr), wenn alle Eingänge 1 sind.
Praxisbeispiel — Bewässerung nur bei bestimmten Bedingungen:
- Eingang A: Bewässerungszeitfenster aktiv (Zeitschaltuhr, 06:00-08:00)
- Eingang B: Kein Regen (Wetterstation, Regensensor = 0)
- Eingang C: Bodenfeuchtigkeit unter Schwellwert
- Ausgang: Bewässerungsventil öffnen
Nur wenn alle drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind, läuft die Bewässerung.
ODER-Verknüpfung
Ergebnis ist 1, wenn mindestens ein Eingang 1 ist.
Praxisbeispiel — Flur-Licht bei Bewegung:
- Eingang A: Präsenzmelder Flur EG
- Eingang B: Präsenzmelder Treppenhaus
- Eingang C: Türkontakt Haustür geöffnet
- Ausgang: Flur-Licht einschalten
Egal welcher Sensor auslöst — das Licht geht an.
Erweiterte Verknüpfungen
Über UND und ODER hinaus bieten Logikmodule weitere Funktionen:
- NICHT (Negation): Invertiert den Eingang. Nützlich für „Licht an, wenn Präsenz NICHT erkannt" (z.B. Nachtlicht bei Abwesenheit)
- XOR (Exklusiv-Oder): Ergebnis 1, wenn genau ein Eingang 1 ist. Selten gebraucht, aber nützlich für Wechselschaltungs-Logik
- Tor/Gate: Eingang wird nur durchgeschaltet, wenn ein Freigabesignal aktiv ist. Perfekt für Betriebsarten (z.B. „Automatik nur im Automatik-Modus")
- Schwellwert: Vergleicht einen Analogwert mit einem Grenzwert. Z.B. „Wenn Temperatur > 25 °C → Beschattung aktivieren"
Szenen — das Gebäude auf Knopfdruck verwandeln
Was ist eine Szene?
Eine Szene ist ein gespeicherter Zustand mehrerer Aktoren, der auf einen Befehl gleichzeitig abgerufen wird. Beispiel „Szene Kino":
| Aktor | Wert |
|---|---|
| Deckenleuchte Wohnzimmer | Aus |
| Stehlampe Sofa | 20 % gedimmt |
| Jalousie Wohnzimmer | 100 % geschlossen |
| Jalousie Küche | unverändert |
| Heizung Wohnzimmer | 22 °C (Komfort) |
Szenen-Implementierung in KNX
Es gibt zwei Wege:
Methode 1: Szenen-Speicher im Aktor (empfohlen)
Jeder Aktor speichert intern bis zu 8 oder 16 Szenen (je nach Hersteller). Ein Taster sendet auf eine Szenen-Gruppenadresse den Befehl „Szene 5 aufrufen" (DPT 17.001). Jeder beteiligte Aktor ruft seinen gespeicherten Wert für Szene 5 ab.
Vorteile:
- Sehr schnell — ein einziges Telegramm löst alles aus
- Dezentral — kein Single Point of Failure
- Szenen können vom Nutzer am Taster gespeichert werden (langer Tastendruck → „Szene speichern")
Methode 2: Logikmodul sendet Einzelbefehle
Ein Logikmodul empfängt einen Trigger und sendet einzelne Befehle an jeden Aktor:
- Befehl 1: Licht Decke → Aus
- Befehl 2: Licht Stehlampe → 20 %
- Befehl 3: Jalousie → 100 %
- Befehl 4: Heizung → 22 °C
Vorteile:
- Keine Begrenzung der Szenen-Anzahl
- Komplexere Bedingungen möglich (z.B. „nur wenn Fenster geschlossen")
- Unterschiedliche Verzögerungen pro Befehl
In der Praxis verwende ich Methode 1 für Standard-Szenen (Kino, Abend, Nacht) und Methode 2 für komplexe Automatisierungen (Abwesenheitsszene mit Bedingungsprüfung).
Zeitschaltuhren und astronomische Funktionen
Einfache Zeitschaltuhr
Schaltbefehle zu festen Uhrzeiten: Licht im Garten um 22:00 aus, Bewässerung um 06:30 an. Die meisten KNX-Aktoren haben eingebaute Timer — ein separates Gerät ist nur nötig, wenn viele Zeitprogramme benötigt werden.
Astronomische Zeitschaltuhr
Die astronomische Uhr berechnet Sonnenauf- und -untergang basierend auf dem Standort (GPS-Koordinaten in der ETS hinterlegt). In München (48,14° N) bedeutet das:
| Datum | Sonnenaufgang | Sonnenuntergang |
|---|---|---|
| 21. Juni | 05:17 | 21:17 |
| 21. Dezember | 08:01 | 16:21 |
Das ergibt fast 8 Stunden Unterschied zwischen Sommer und Winter. Eine feste Zeitschaltuhr müsste ständig manuell angepasst werden — die astronomische rechnet automatisch.
Typische Anwendungen:
- Jalousie morgens automatisch auffahren — 30 Minuten nach Sonnenaufgang (damit man nicht vom ersten Lichtstrahl geweckt wird)
- Außenbeleuchtung einschalten — 15 Minuten vor Sonnenuntergang
- Beschattungsautomatik aktivieren — nur tagsüber (zwischen Sonnenauf- und -untergang)
Wochenprogramme
Viele Logikmodule bieten Wochenprogramme: Unterschiedliche Zeitprogramme für Werktage, Samstag und Sonntag. Sinnvoll für:
- Heizung: Unter der Woche Absenkung 08:00-16:00 (niemand zuhause), am Wochenende Komfort-Betrieb
- Bewässerung: Montag, Mittwoch, Freitag — nicht täglich
- Anwesenheitssimulation im Urlaub: Zufällige Lichtschaltungen in verschiedenen Räumen
Zentralfunktionen — das ganze Haus steuern
Die wichtigsten Zentralfunktionen
Jedes gut geplante KNX-System sollte diese Funktionen haben:
1. Alles-Aus (Panik-Rückwärts)
Ein Tastendruck schaltet alle Lichter aus, fährt alle Jalousien in Grundstellung, setzt Heizung auf Absenkbetrieb. Typisch: Am Taster neben der Haustür, aktiviert beim Verlassen des Hauses.
Implementierung: Zentraladressen in Hauptgruppe 0 (z.B. 0/0/1 = Licht zentral aus, 0/0/2 = Jalousie zentral auf).
2. Panik-Funktion
Das Gegenteil: Alles Licht an, Jalousien auf, Alarm. Für Notfälle — z.B. wenn nachts ein Einbrecher vermutet wird. Typisch: Taster am Bett oder Schlüsselschalter am Eingang.
3. Abwesenheitsszene
Kombination aus Energiesparen und Sicherheit: Heizung absenken, alle Lichter aus, Fensterkontakte überwachen, Anwesenheitssimulation aktivieren. Wird oft über einen Schlüsselschalter oder die Visualisierung aktiviert.
4. Nachtszene
Alle Lichter aus außer Orientierungslicht im Flur. Heizung auf Nacht-Absenkung. Jalousien geschlossen. Rollladen-Sperre aktiv (damit keiner versehentlich nachts die Jalousien fährt).
Szenen-Taster vs. Visualisierung
Zentralfunktionen können über physische Taster (sichtbar, taktil, ausfallsicher) oder die Visualisierung (flexibel, erweiterbar, fernbedienbar) ausgelöst werden. Meine Empfehlung: Sicherheitsrelevante Funktionen (Panik, Alles-Aus) immer auf einen physischen Taster legen — der funktioniert auch, wenn das WLAN ausfällt oder das Tablet leer ist.
Praxisbeispiele aus München
Beispiel 1: Einfamilienhaus — Anwesenheitserkennung
Problem: Familie vergisst regelmäßig, Lichter auszuschalten und die Heizung runterzudrehen, wenn alle das Haus verlassen.
Lösung mit KNX-Logik:
- Präsenzmelder in allen Räumen
- Logikmodul: ODER-Verknüpfung aller Präsenzmelder
- Wenn 20 Minuten lang kein Melder Präsenz erkennt → „Abwesenheit" aktiv
- Abwesenheitsszene: Alle Lichter aus, Heizung Absenkung, Steckdosen Standby aus
- Wenn erster Melder wieder Präsenz erkennt → „Anwesenheit" aktiv → Heizung Komfort
Energieeinsparung: ca. 15-20 % der Heizkosten allein durch die automatische Absenkung.
Beispiel 2: Villa — Lichtszenen nach Tageszeit
Problem: Bauherr wünscht sich, dass das Licht morgens anders aussieht als abends — automatisch, ohne jeden Tag Szenen aufzurufen.
Lösung:
- Astronomische Zeitschaltuhr liefert aktuelle Tageszeit-Phase (Morgen, Tag, Abend, Nacht)
- Logikmodul schaltet abhängig von der Phase verschiedene Szenen-Sets frei
- Taster „Grundlicht" aktiviert morgens warmweißes Licht bei 70 %, abends bei 40 % mit extra Warmton
- Die Szene „Abend" hat andere Werte als „Morgen" — der Taster ist derselbe
Beispiel 3: Bürogebäude — Tageslichtregelung
Problem: In einem Bürogebäude soll die Beleuchtung automatisch nachregeln, damit am Arbeitsplatz immer 500 Lux herrschen — unabhängig vom Tageslicht.
Lösung:
- Konstantlichtregler (integriert in Präsenzmelder) misst die Helligkeit am Arbeitsplatz
- Logik: Sollwert 500 Lux → PID-Regler dimmt die Leuchten nach
- Tageslicht von außen wird eingerechnet → weniger Kunstlicht bei Sonnenschein
- Wenn der Raum leer ist (Präsenzmelder) → Licht auf 0 % nach 10 Minuten
Energieeinsparung: bis zu 60 % gegenüber fest eingestellter Beleuchtung.
Tipps für die Konfiguration
Verzögerungen einbauen
Nie alles gleichzeitig schalten. Wenn eine Szene 20 Aktoren betrifft, sollten die Befehle zeitversetzt gesendet werden (z.B. 200 ms zwischen jedem Befehl). Das verhindert Buslast-Spitzen und sorgt für ein angenehmeres Schaltverhalten — die Lichter gehen „wellenförmig" aus statt alle auf einmal.
Sperren und Freigaben
Jede Automatik sollte eine Sperrfunktion haben. Wenn der Bewohner manuell die Jalousie gestellt hat, darf die Sonnenschutz-Automatik nicht sofort wieder übersteuern. Typische Lösung: Nach manuellem Eingriff ist die Automatik 60 Minuten lang gesperrt.
Prioritäten definieren
Was passiert, wenn zwei Logiken gleichzeitig widersprechen? Der Sonnenschutz will die Jalousie schließen, aber der Windalarm will sie öffnen. Lösung: Prioritätskette festlegen:
- Sicherheit (Wind, Brand) → höchste Priorität
- Wetterschutz (Regen, Frost)
- Manueller Eingriff (Bewohner hat selbst geschaltet)
- Automatik (Sonnenschutz, Szenen) → niedrigste Priorität
Testen, testen, testen
Logikbausteine sind die häufigste Fehlerquelle bei der Inbetriebnahme. Jede Verknüpfung einzeln testen, dann im Zusammenspiel. Besonders kritisch: Nacht-Umschaltungen und Szenen-Kombinationen, die man tagsüber nicht testen kann — hier hilft der Busmonitor in der ETS, um die Telegramme manuell zu simulieren.
Häufige Fragen
Brauche ich ein separates Logikmodul?
Nicht unbedingt. Für 5-10 einfache Verknüpfungen reichen die integrierten Logikfunktionen moderner Aktoren. Ab 15+ Verknüpfungen oder bei komplexen Szenarien (Prioritätsketten, Wochenprogramme) lohnt sich ein dediziertes Modul.
Kann ich Szenen nachträglich ändern?
Ja. Bei Methode 1 (Szenen-Speicher im Aktor) kann der Bewohner selbst Szenen anpassen: Gewünschte Beleuchtung manuell einstellen, dann langen Tastendruck auf den Szenen-Taster → neue Werte gespeichert. Bei Methode 2 (Logikmodul) muss der Systemintegrator die ETS-Parameter ändern.
Funktioniert die Logik auch bei Stromausfall?
Nein. KNX-Geräte brauchen Busspannung. Nach Stromwiederkehr starten alle Geräte mit ihren gespeicherten Default-Werten — die lassen sich in der ETS konfigurieren (z.B. „nach Busspannungswiederkehr: letzten Zustand wiederherstellen").
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